1851
"Folge mir nach".
Stahlstich aus einer
Ausgabe von 1851
Auszüge aus dem Hauptwerk

Vorbemerkung:

Die Übersetzung ist, sofern sie nicht von mir selbst ist, von Bischof Johann Michael Sailer (1751-1832), erschienen z.B. in dem Buch "Das Buch von der Nachfolge Christi." Freiburg im Breisgau: Herder Verlag. (Hier: 18. Auflage) 1933



Erhebung zum Höchsten:

Das ist höchste Weisheit: sein Herz zu göttlichen Dingen erheben und durch Gleichgültigkeit der Welt gegenüber zum Himmel streben (I,1,4) [EÜ=Eigene Übersetzung]

Löse Dein Herz vom Sichtbaren und erhebe es zum Unsichtbaren (I,1,4) [EÜ]

Es kommt doch alles von einem Worte her (Jo 8, 25), und alle Dinge zeugen im Grunde nur von einem Worte, und dies eine Wort ist dasselbe Wort, das im Anfange war (Jo 1,1) und jetzt auch zu uns redet. (...) Wer das eine in allem findet, wer alles auf das eine zurückführt, wer in einem alles sieht, der kann ruhigen, festen Sinn behalten und wird den Frieden in Gott nie verlieren. (I,3,2)

Je mehr ein Mensch mit sich eins geworden ist, und je einfacher er in seinem Innersten geworden ist, um so mehr und umso Höheres wird er mühelos erlernen, weil von oben das Licht der Erkenntnis kommt. (I,3,3) [EÜ]


Arbeit an sich selbst:

Wer hat den schwersten Kampf zu bestehen? Der, der daran arbeitet, sich selbst zu überwinden! (I,3,3) [EÜ]

O, wenn sie so rastlos daran arbeiteten, hier Laster auszurotten, dort Tugenden zu pflanzen, wie sie sich müde studieren, um ihresgleichen ein neues Rätsel aufgeben zu können: ich denke, es würde nicht so viel Unrecht auf Erden, nicht so viel Ärgernis in dem Volke, nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern sein. (I 3,5)

So viel ist sicher: Am Tag des Gerichts wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan haben, und nicht, wie gut wir gesprochen, sondern wie religiös wir gelebt haben. (I,3,5) [EÜ]

Glaube nicht jedem Worte, und traue nicht jedem Geiste. Prüfe vielmehr alles, und prüfe es wie vor Gott, mit aller Achtsamkeit und Beharrlichkeit. (I,4,1)

Wären wir uns selbst ganz abgestorben, wäre unser Innerstes nicht im geringsten in das geheime Spiel der Neigungen verflochten und darin verfangen: o, dann könnten auch wir göttliche Dinge inne werden und von der himmlischen Beschauung der Wahrheit hier schon einen Vorgenuss bekommen! (I,11,3)

Wenn wir in jedem Jahr auch nur einen Fehler ausrotten, würden wir bald vollkommene Menschen sein. (I,11,5).

Der Mensch ist nie ganz sicher vor Versuchungen - solange er hier lebt. Denn wir tragen den Keim der Versuchung in uns selber... (I,13,3)

Kehre deinen Blick einwärts und hefte ihn auf dich selber, auf dein Innerstes, und erkühne dich nicht zu richten, was andere tun. (I,14,1)

Lerne Geduld haben mit fremden Fehlern und alle Schwachheiten, wie sie immer heissen, tragen. Denn sieh, du hast auch viel an dir, was andere tragen müssen. (I,16,2)

Da wird's denn offenbar, wie selten wir unsern Nächsten mit demselben Auge ansehen, mit dem wir uns anschauen. (I,16,3)


Der Weg der Sammlung:


Der Tag ward der Handarbeit und die Nacht dem heiligen Gebete gewidmet; doch auch zur Zeit, da die Hand arbeitet, dauerte der Feierabend des Geistes, das inwendige Gebet des Herzens, ununterbrochen fort. (I,18,2)
[Bemerkenswert ist es, dass Thomas hier auf das "Immerwährende Herzensgebet" hinwies, das in späteren Jahrhunderten so grosse Bedeutung in der Ostkirche erlangen sollte!/PB]

Unsere Vorsätze sollen nie allgemein sein, sondern sie müssen stets auf etwas Bestimmtes hin gerichtet sein, vor allem gegen das, was uns am meisten an unserem Fortschritt hindert. Unser inneres und unser Äusseres sind zu prüfen und zu ordnen, und beides [Prüfung und Ordnung/PB] macht uns frei für unseren Fortschritt. Wenn du dich nicht ständig gesammelt halten kannst, so sammle dich hin und wieder, wenigstens am frühen Morgen oder am Abend. Am Morgen nimm Dir etwas vor, und am Abend erforsche den Tag, wie Du ihn in Worten, Werken und Gedanken gelebt hast; vielleicht hast du in ihnen öfters gegen Gott und gegen den Nächsten gesündigt. (...) Sei nie ganz untätig, sondern entweder lies oder schreibe oder bete oder meditiere oder arbeite etwas Nützliches. (I,19,3-4) [EÜ]


Loslösung und Achtsamkeit:

Niemand kann sicher auf dem Markte sich sehen lassen [das heisst: in der Öffentlichkeit sein], der nicht gern ungesehen - daheim bleibt. Niemand kann sicher den Mund zum Reden auftun als der ihn gern [auch] wieder schliesst und geschlossen hält. Niemand kann sicher obenan stehen, als der gern untenan steht. Niemand kann sicher befehlen, als der gelernt hat - gehorsam zu sein. Niemand hat sichere Freude, als der das Zeugnis des guten Gewissens für sich hat (...) Lieber! Versprich dir doch in diesem Leben keine volle Sicherheit, wenn dich gleich die Nachbarn für einen guten Ordensmann oder andächtigen Einsiedler halten. Nicht selten sind gerade die, welche im Auge der Menschen die besten waren, in die grösste Gefahr geraten, weil die Zuversicht, mit der sie auf sich selbst vertrauten, viel zu gross war. (I,20,3-4)

In Schweigen und Ruhe wird die andächtige Seele Fortschritte machen und selbst die Dunkelheit der Schrift durchlichten lernen! (I, 20, 6)

Es ist doch keine wahre Freiheit und keine wahre Freude zu finden, ausser in der Furcht Gottes und in einem guten Gewissen. O selig, wer alles, was ihn hindert und zerstreut, von sich werfen und sein Herz in sich sammeln kann, dass es auftaut zur heiligen Reue. Selig, wer von sich stösst alles, was sein gewissen beflecken oder drücken kann! (...) Gewohnheit wird nur durch Gewohnheit überwunden. Wenn du die Leute gehen und das Ihre tun lassen kannst, so werden sie dich auch gehen und das Deine tun lassen. Lass fremde Dinge nicht zu nahe an dein Herz kommen und verwickle dich nicht in die Geschäfte der Grossen. Es ist einer, über den du stets vor allen anderen ein wachsames Auge haben und den du zuerst unter allen deinen Lieben zu Herzen reden sollst, und der eine bist du. (I,21,2)


Memento Mori:

Dächtest du öfter an deinen nahen Tod als an die vielleicht bloss erträumte Länge deines Lebens, ich glaube, du würdest das grosse Werk deiner Besserung mit mehr Eifer betreiben. (I,21,5)

Das macht doch die Seligkeit des Menschen nicht aus, dass er an zeitlichen Gütern mehr habe, als er bedarf. (I,22,1)

Alles, was du denkst und tust, alles soll so gedacht und so getan werden, als wenn du heute noch sterben müsstest. Wenn Du wirklich ein gutes Gewissen hättest, so würdest du nicht sonderlich vor dem Tode zittern. (...) Selig, wer die Stunde des Todes immer vor Augen hat und sich täglich zum Sterben rüstet! Wenn du einen Menschen sterben siehst, so sprich zu dir: Diesen Weg muss ich auch gehen. Wenn die Morgenstunde kommt, so rechne darauf, dass du vielleicht die Abendstunde nicht mehr erlebst. Und wenn die Abendstunde da ist, so wag es nicht, dir noch die Morgenstunde zu versprechen. So sei denn immer bereit und lebe so, dass dich der Tod nie unbereitet finden, nie überraschen kann. (...) Wenn deine letzte Stunde wird gekommen sein, dann wirst du dein vergangenes Leben ganz in einem anderem Lichte sehen, und es wird dir dein Herz zerreissen, dass du im Guten so nachlässig und lau gewesen bist. (I,23,1-3)

O du Tor! Was schmeichelst du dir mit der Hoffnung, lang zu leben, da du auch nicht auf einen Tag sichere Rechnung machen kannst?! Wie viele haben sich mit falscher Hoffnung betrogen und mussten zur Stunde, die sie schon gar nicht für ihre letzte hielten, von dieser Welt abtreten! Wie oft hast du erzählen hören: dieser ist erstochen worden, jener ertrunken; dieser fiel vom Dache und brach sich den Nacken, jener starb bei Tische, der beim Spiele; einen tötete das Feuer, den anderen das Schwert, einen dritten die Seuche, einen vierten die Mörder! So sterben alle dahin, und das Leben des Menschen geht wie ein Schatten vorüber (...) O Freund! Jetzt, jetzt lege die Hand ans Werk und tu, was du tun kannst. (I,23,7)

Denk immer an das Ende und dass die verlorene [vertane] Zeit nie wieder kommt. (I,25,11).


Gottes Ruhe 

Wer Jesus und die Wahrheit liebt, wer in sich wohnt und dadurch ganz innig und von allen ungeordneten Neigungen frei geworden ist, der kann sich alle Augenblicke ungehindert zu seinem Gott erheben, kann sich über sich selbst im Geiste erschwingen, kann in Gott seligen Genuss und im Genusse Gottes Ruhe finden. (II, 1, 6)


Echte Weisheit 

Wer so weise ist, dass er alle Dinge für das halten kann, was sie sind, und nicht für das, wofür sie von anderen gehalten und ausgegeben werden, der hat die rechte Weisheit und hat seine Weisheit mehr von Gott als vom Menschen gelernt. (II,1,7)


Liebe zum Menschen 

Wenn du möchtest, dass Dich andere ertragen sollen, so ertrage Du sie zuerst. Schau, wie fern Du noch bist von der wahren und demütigen Liebe, die über keinen Menschen zornig oder unwillig werden kann ausser über Dich selbst. (II, 3, 2) [EÜ]


Mystische Vereinigung

O du mein liebster Bräutigam,Jesus Christus, du heiligster Freund unsterblicher Seelen, du Gebieter und Beherrscher aller Geschöpfe! Wer gibt mir die Flügel der wahren Freiheit, dass ich auffliege zu dir, dass ich Ruhe und Seligkeit in dir finde? O wann wird es mir gegeben werden, von allem, was mich bindet und hemmt, frei zu sein und zu schauen und zu erfahren, wie süss es sei, dich, meinen Gott, zu geniessen? Wann werde ich mein ganzes Wesen in dir allein sammeln und in Liebe zu dir meiner selbst vergessen und nichts als dich, dich empfinden und geniessen können, dich geniessen auf eine Weise, die die wenigsten kennen und die alle gewöhnlichen Weisen und Empfindungen übersteigt? (III, 21, 3)


Licht-Mystik


O ewig leuchtendes Licht, über alles erschaffene Licht erhaben, sende deinen Strahl aus der Höhe wie einen Blitz in mein Herz, und lass ihn das Allerinnerste meines Herzens durchdringen: Reinige, erhelle, belebe und erfreue meinen Geist und alle seine Kräfte, dass sie dir in dem Jubel der Entzückung ewig anhängen. O wann wird sie denn kommen, die heilige, sehnenswürdige Stunde, dass deine Gegenwart mich sättige, dass du mir werdest alles in allem. (III, 34,3)


Vollbracht
"Es ist vollbracht" Tuschmalerei von
Peter Busch. 2002


Letzte Bearbeitung dieser Website: Mai 2011

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